Warum schrieb Gert Jonke?

Jonke schreibt seitdem er mit 15 von einem sich nicht reimenden Gedichts Trakls verzaubert wurde. "Und dann bin ich darauf gekommen, daß es italienische Dichter gibt, Ungaretti zum Beispiel, die Sachen schreiben, die ich zwar nicht verstehe, die mich aber wie magische Spüche merkwürdig berühren."

Er war überzeugt, er "(könnte) ein Leben, so wie es sich in der Nachkriegszeit darbot, nur mit Hilfe eines künstlerischen Berufes überstehen (...)."

"Wenn etwas in einem drin ist, ein Gestaltungswille, der Wunsch etwas Schöpferisches zu machen, weil die Umgebung, die Stadt, in der man lebt, so öd ist, weil alles so eintönig ist in einer Form, die alles lähmt. (...) Das Verfertigen von Texten ist ja mit Mühen verbunden (...), aber wenn man sieht dass dabei etwas Unverzichtbares entsteht, ein Stück Wirklichkeit, das eine Atmosphäre verbreitet(...)"

Jonke studierte in Wien Filmregie und schrieb währenddessen an dem Roman "Das System von Wien", welchen er aber nicht beendete. "Im System von Wien, diesen ersten Romanversuch, habe ich Wiener Geschichten, die ich erlebt habe, erlogen, weil erlebt habe ich ja eigentlich nichts Richtiges." Er wechselt den Studiengang "um in dem Studentenheim, in dem ich wohnte, weil das sehr billig war, weiter wohnen zu können und habe eigentlich nur mehr geschrieben." In der Zeit schreibt er den "Geometrischen Heimatroman", der erfolgreich Publiziert und u.a. von Peter Handke im Spiegel rezensiert wird. Ab da beschließt er Schriftsteller zu werden. "Und dann habe ich es Studienkollegen vorgelsesen, und die mußten fürchterlich lachen. Ich auch. Schuld war diese penetrante Genauigkeit. (...) Da habe ich gemerkt, daß ich witzig sein kann und darf."

Der Wunsch zu Schreiben existierte bei Jonke bevor er wusste worüber er schreiben will. Dann aber gab es "immer einen Stoff (...) und die Sehnsucht, die mich dazu antrieb, diesen Stoff auch Schriftstellerisch zu bewältigen." Er wollte dabei an die Grenzen gehen, "wo man fast verrückt wird, wenn man weiterdenken will.", am "Reizschwellenbereich der Empfindungen zumindest entlanggehen und manchmal einen Ausgang hinaus versuchen, eine Ahnung irgendwohin, wo man nich nicht weiß, was los ist, einen Augenblick." Er wollte, "dass sich der Sinn des Lebens, lässt man die Einbildungskraft nur ihren Lauf, in eine monströse Vielfalt auflöst, die zweierlei bewirkt: sie zerstört den Sinn um den Sinnen wieder zu ihrem Recht zu verhelfen." An anderer Stelle sagt Jonke, er entdecke durch das Schreiben die Welt und Orte an denen er nie war. Das ihm dies gelungen ist zeigt sich, wenn man die Vielfältigkeit der Themen und Gedanken bei Jonke sieht. Dazu kommt Jonkes Sprachexperimentierlust, die sich zu dem Wunsch Sprachmusik zu machen auswächst. Aber das ist ein anderes Lied :)

"Meine Utopie ist, dass sich unsere Sinne weiterentwickeln sollten. Ich meine jetzt nicht, dass man besser hören oder sehen müsste. Ich finde, dass die Phantasie auch ein Sinn ist, der, wenn er intensiv genug betrieben wird, wirklichkeitsmanifest werden könnte."

Bis denn :)

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Was ist Jonkes wichtigstes Thema?

Bei Jonke gibt es immer wiederkehrende Utopien. Jonke begreift sie auch als "Heimaten", in die er sich mittels seiner Sprache träumt und schreibt. Seine Protagonisten suchen immer sehnsüchtig nach diesen Orten. Wenn, erreichen sie diese aber nur in kurzen Augenblicken, in der Liebe, im Naturtheater, der idealen Musik und der idealen Landschaft.

In dem Stück der FERNE KLANG liegt dieses Erlebnis in der Begegnung mit IHR. "Wo und wann hast du dieses Gesicht schon gesehen, fragst du dich sofort, (...) Das Gesicht der Frau hast du nie vergessen gehabt, obwohl du ihr ganz sicher erst jetzt zum ersten Mal begegnest! (...) Wie ein unentwirrbares Rätsel, welches dich niemals bewegt hat, sondern plötzlich nur in Form der einzig möglichen Lösung auftaucht und alles so befreiend rätselhaft beantwortet." Die Suche nach IHR und seiner Vergangenheit wird im laufe des Romans immer unübersichtlicher und endet in der Wiederholung des Anfangs, einem Suizidversuch.

In Erwachen zum großen Schlafkrieg besteht die Utopie in Burgmüllers Raum gestaltenden Visionen, die bei ihm, durch die Entdeckung, die Vögel dirigieren zu können, ausgelöst werden. Er will "die Vogelschwarmzüge in ihren Bewegungen als ein menschlich entworfenes Naturgesamtkunstwerk [zu] gestalten, akustisch-bildlich und im Ablauf der Tanzbewegungen in der Atmosphäre vergleichbar einem überwältigenden Tagesfeuerwerk."

"Warum passiert es, dass während einer Musik, die uns entweder zum ersten Mal oder nach langer Zeit wieder einmal begegnet, unser Gehör plötzlich innezuhalten scheint, in unserem Innersten wie ein Stechen durch den ganzen Körper auf einmal ein Empfinden und Fühlen aufkommt, das einerseits noch nie in uns hoch gekommen war, uns aber andererseits so bekannt vorkommt, ganz so, als hätten wir es immer schon in uns drinnen gehabt, nur hätte es eben dieser Musik bedurft, dass es in uns aufkommen kann. Dieses Gefühl ist manchmal dem sogenannten "deja vu" vergleichbar, das uns im täglichen Leben auf Reisen in bislang unbekannte Gebiete in fremden Ländern und Städten wiederfährt, wenn uns plötzlich vorkommt, irgendwo irgendwann vor ganz langer Zeit schon einmal gewesen sein zu müssen, obwohl man genau weiß, daß man nich niemals im Leben da oder dort gewesen sein kann." (Gert Jonke, Die Überschallgeschwindigkeit der Musik)

Zum Abschluss eine Frage für euch. Wie sieht die Utopie der Figuren im Insektarium aus?

bis bald :)

Maria Spiss fragte Maria Ursprung. Die Erstveröffentlichung hier und exklusiv für euch ;)

Warum Jonke?
Ich habe mich für einen Text von Gert Jonke entschieden, da er eine sehr poetische Sprache hat, da mich seine Art, den Kern des Satzes zu umkreisen fasziniert und da er Sätze baut, die mit Zeit und Raum spielen und zu durchbrechen versuchen.
Was für eine Welt möchtest du auf der Bühne schaffen?
Die Welt, die ich schaffe, soll eine einfache sein. Es soll in einfachen Spielvorgängen und Bildern etwas über Figuren und deren Sehnsüchte erzählt werden. Einfach in seinem positivsten Sinne.
Was bedeutet für dich das Zimmer?
Das Zimmer ist der Raum, der uns umgibt, für den wir aber oft kein Gespür und keine Augen haben, ist Zufluchtsort, ist Rettung und ist das Gute, das uns widerstösst, ohne dass wir es wahrnehmen.
Was findest du besonders schwierig an der Arbeit?
Es wäre fatal, wenn ich "etwas an der Arbeit" als "besonders schwierig" benennen würde. So denke ich nicht. Es gibt Herausforderungen. Eine grosse Herausforderung ist ganz banal einen Weg zu finden, wie man diese Texte, und damit meine ich die Art der Figuren zu sprechen, auf die Bühne bringt.

"Die Herbstluft war erfüllt von wolkenwattig durchpulsten Nebeltrauermärchen, die verankert im Föhn durch die Parksträucherhecken schleiften (...) mit herbeigespülten Frühwintervorahnungsgefühlen, die von der Landschaft als Lichtspieletüden sorgfältig einstudiert wurden.

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(...) und schaute hinaus ins trübe Zwielichttreiben der Jahreszeit, die sich aus dem Umland wie eine sich absichtlich drohend langsam heranwälzende Fäulnis über den Stadtrand zu wölben anfing, bald schon spielend alle Dächer überzog und endlich wie eine fettig nachlässig verdreckte Butterpapierfolie über allen Haustoren und auf den Fensterscheiben kleben blieb." (Erwachen zum großen Schlafkrieg)

Auf bald,

Marvin

Die Sujets von Jonke schmecken immer wie was Süßes, sie hinterlassen noch kurz einen angenehmen Nachgeschmack und man (ich) kann nie genug davon kriegen. Und da es zu Nikolaus kein Extra gab, hier einige eher herbere Textpralinen von Jonke :)

Das Stück "Es singen die Steine. Ein Stück Naturtheater" spielt in einem verkommenem Königreich, in dem die Berge das Echo verweigern, die Steine singen und Blumenprinzessinen sich gegenseitig umbringen. Wildkirschen verweigern ihre vorhergesehene Karriere als industrielle Amarenakirschen. Kleinbauern versuchen die Vegetation zur Photosynthese zu überreden, spielen ihnen Melodien vor und zeigen ihnen gar wie man sich im Boden verwurzelt, indem sie ihre eigenen Füße im Boden vergraben. Großbauern stapeln die Getreidefelder bis zum Himmel und bauen die Kühe so um, dass man ihnen den Käse direkt entnehmen kann. Der Wind wurde mit Werbesongs ausgetauscht

In dem Stück "Hinterhältigkeit der Windmaschinen" sind die Staatsbürger aufgefordert "sich ab heute nur mehr solchen Vergnügungen hinzugeben, die nicht zuviel, eher weniger, am besten aber überhaupt kein Vergnügen bereiten". Zudem müssen sie Existenzberechtigungsausweise mit sich führen. Während dessen werden von Bühnenarbeitern sinnlos riesige Betonärsche auf und ab gebaut.

.In "Die Vermehrung der Leuchttürme" haben emsige Tischler Stücke aus der Sonne gesägt, um daraus Möbel zu machen, so dass sich der Himmel verdunkelt. Andere sind beauftragt den Himmel zu tapezieren, Zierleisten anzubringen oder ihn anzumalen.

Zum Abschluss was süßeres aus "Ferner Klang": "Ja, die Maisfelder haben zu singen begonnen wie wild aus chromatischen TIefen der Erde des Feldbodens mit eng aneinandergeschmiegten flächig aufwärtssteigenden Tondolden aus ganz dichten tiefen Holzblasklangflechten..."

In einer Insektariumszene lädt „Der Eiserne Vorhang“ des Theaters dazu ein, eine Nacht an dem Strand seines zugeschütteten Orchestergrabens zu verbringen um dem Flüstern der Mauerschauer an seiner Außenhaut zuzuhören, die tief in seine Erinnerungen blicken können.Die Szene ist nicht in der Inszenierung, aber viele andere.

Bis hier her, bald weiter,

Marvin

 

Der erste Durchlauf, das war Samstag den 03.12. Endlich! Bisher konnten wir das Drama nur in kleinen Stücken, Szene für Szene sehen. Wie würden alle Szenen zusammen wirken? Die Schauspieler waren ziemlich gespannt, wollten zuerst den Text wiederholen, aber es wurde ihnen verboten…sofort auf die Bühne und alles was verabredet war, abspielen! Maria war heute unerbittlich :) . Am Anfang flitzte unser liebes Zimmer ein bisschen über die Bühne und sammelte Dinge, für sich aus der Wohnung ein. Eine Stunde und vierzig Minuten, keine schlechte Gesamtzeit. Insgesamt wars wie eine neue Reise zu einer bekannten Stätte.


Rtr

 

Maria

Was da los, im Insektarium?

Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Ihr, Ihm und dem Zimmer.Das Zimmer hat ein Eigenleben und würde gerne als "Mitwesen" geliebt und gehört werden. Die Beziehung spielt bei vielen Texten von Jonke eine Rolle. Und wenn geliebt wird, zeigt Er Ihr wie man die Vögel dirigieren kann, wodurch sie sich umfliegend vor Bedrohungen schützen können. Oder, wie im Freien Fall, kommen die Jahrhunderte durchwandernden Er und Sie im Jetzt zusammen und finden mit Tinte auf ihre Körper geschriebene Sätze.

Ist es dein Gesicht auch dort im Schattenwetter

das morgens in alle Fenster dringt

durch alle Zimmer springt

diene Stimme sogar im Suppentellerschellen

das aus dem Mittagsschlaf der Schausteller klingt?...

(Ist Es)das Echo deines Rufens nach mir in den Karusellen

der schaukelnden Ruderboote,

die am Himmel verschnürt im niederbrennenden

Abend an die Taue schlagen

Sind es deine Atemzüge, die das Licht nach Westen tragen?..(Freier Fall)

Unter dem Phantastischen steckt immer auch die Sehnsucht nach der Aufhebung der Wirklichkeitswahrnehmung. Das Vehikel, wodurch Jonke mich mitnehmen kann, ist seine gewaltige, sprachliche Leichtigkeit. Jonkes Figuren zuzuhören ist wie wach zu träumen.

Die andere Facette in Jonkes Bezeihungsentwürfen ist das Entsetzliche, beschrieben in einer ungeheuren Zärtlichkeit. Im Erwachen zum großen Schlafkrieg zieht Sie in seine Wohnung um ihre Geschichten aufzuschreiben. Sie schreibt immer mehr und lebt immer weniger Geschichten. Mit allen Mitteln, Ausrede und auf sie eingehen, versucht er ihrem Wahn beizukommen und sich ihr anzunähern. Schließlich erfindet sie ihm eine neue gemeinsame Vergangenheit "fast so, als wollte sie ihm damit schmerzlich beibringen, daß diese gemeinsame Zukunft von ihr aus gesehen der Vergangenheit anzugehören hätte oder als wäre eine ihnen gemeinsame Zeit schon lange vorüber!"  

 

 

Er und Sie. Ist's wirklich passiert, erfunden oder geträumt?

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Beste Grüße :),

 Marvin

 

Um erstmal die Luft aus der Anonymität zu pusten, hier eine kleine Vorstellung der Schreiberlinge des Blogs.

Ich, Maria Spiss, komme aus Krakau und habe Regie und Dramaturgie in der Staatlichen Theaterschule in Krakau abgeschlossen. In diesem Jahr habe ich ein Stipendium von ITI Deutschland und Goethe Institut in München bekommen. Im Rahmen des Stipendiums hospitiere ich die Proben zum „Insektarium“ am Thalia Theater.

Und Ich, Marvin Karger, habe 2010 in Hannover Abitur gemacht und bin seit Schulzeiten Theaterbegeistert. Den größten Anschub ans Theater habe ich durch eine Rolle in einer Produktion zum Thema School Shootings, am Schauspiel Hannover bekommen. Nachdem mich zwei Stücke am Thalia aus den Latschen gehauen haben, wollte ich hier hospitieren :)

Und noch was, unsere Ausstattungshospitantin Britta Reimann zeichnet. Hier ein Eindruck der Zärtlichkeitseleganz unseres Bühnenpärchens

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Beste Grüße!

Maria & Marvin

Goood evening laadies and gentelmaaaan! Welcome to the one and only Insektarium am Thalia Theater Blog!

Am 17.12. wird in der Garage der Gaußstraße Gert Jonkes Text, in der Regie von Maria Ursprung aufgeführt. Es gibt nur noch wenige Karten für die Premiere! Bis dahin werden wir über die Proben und Hintergrundwissen zu Jonke bloggen. Wer ist Jonke? Warum hat er geschrieben? Was macht ihn interessant?

Er und Sie sitzen wie auf erhöhten Zuschauerbänken und blicken in den
Zuschauerraum, als beobachteten sie eine Zirkusvorstellung.
ER Jetzt kommt der übliche Seiltanz. Der Mann, der das macht, ist nicht zu
beneiden.
SIE Schon ist er in der Mitte des Seiles angelangt. Der traut sich was!
Erstaunlich, dass ihm doch ein paar Augen matte Verachtungsblicke zwischen
die Beine werfen, damit er endlich stolpernd stockt. Aber der Mann wehrt
sich mit Händen und Füßen, zumindest bemüht er sich, die Luft wie ein
ausschlagender Esel nach hinten zu treten. (Anfang Insektarium)

 

Wenn ich Jonkes Texte kurz beschreiben sollte, würde ich sagen, Phantasie und Sprachreichtum. In seinen Texten erwachen Gegenstände zu Leben. Es gibt emsige Tischler, die für ihre Möbel Stücke aus der Sonne sägen, Fotografen, die beweisen dass ein Fest jedes Jahr mit genau gleichen Gesprächen genau gleich abläuft, häusertragende Steinskulpturen, die träumen wollen und dafür ihre Verantwortung fallen lassen und vieles vieles mehr.

Im Insektarium sind es die verschiedensten solcher "Insekten" die in oder über einander kriechen. Maria Ursprung hat die ihr wichtigen Passagen zusammengestellt, so dass die Inszenierung drei Schauspieler braucht. Julian Greis als Zimmer, Josef Ostendorf als Er und Oda Thormeyer als Sie.

Die erste Woche verbrachten wir am Tisch um den Text zu bequatschen und für die Inzinierung wichtige Gedanken herauszuziehen. Ich wusste nicht wie oft ein Text vor szenischen Proben gelesen wird. Ihr? Und wie unterhaltsam Schauspieler das gestalten ;)

 

Marvin